Dr. Klaus Heer

bluewin.ch vom 15. Mai 2020
Stacks Image 93561

«Fast alle sagen, sie hätten den Ausflug ins fremde Bett nicht gesucht»

Paartherapeut Klaus Heer erklärt, warum während der Corona-Panademie das Thema «Fremdgehen» die Agenda vieler Paare dominiert. Und er gibt Tipps, wie die aktuelle Situation entschärft werden kann.

INTERVIEW: BRUNO BÖTSCHI
Herr Heer, Sie arbeiten seit über 45 Jahren als Paarberater. Haben Sie in dieser Zeit schon mal so etwas wie die aktuelle Corona-Krise erlebt?
Nein. So etwas Verrücktes hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Und ich persönlich habe als Nachkriegsschweizer sowieso eine verwöhnte Biografie.

Was läuft bei Ihnen zurzeit in der Praxis?
Zu Beginn des Beinah-Hausarrests habe ich auf meiner Homepage explizit digitale Beratung angeboten. Erstaunlicherweise wollte bisher niemand davon Gebrauch machen. Alle zogen es vor, leibhaftig zu mir zu kommen. Noch viel überraschter war ich aber über die Themen, welche die Paare in den letzten Wochen mitbrachten.

Lassen Sie mich raten: Es gab mehr Reibereien wegen Homeoffice? Oder mehr häusliche Gewalt?
Weder noch. Das Thema «Fremdgehen» dominiert derzeit die Agenda der Paare.

Wie denn das? Wir hatten doch die dringende bundesrätliche Empfehlung, zu Hause zu bleiben.
Ja, genau. In manchen engen vier Wänden detonieren Zeitbomben. Es kommt raus, dass einer von beiden untreu geworden war. In den letzten Monaten oder Jahren. Und viele Paare sind mit diesem Stoff überfordert.

Sprich: Viele Paare sind jetzt fast 24 Stunden ständig zusammen, und dabei kommt es plötzlich zu Geständnissen, und das Homeoffice wird die Hölle auf Erden.
Die Treulosen sind ja nicht einfach geständig, sie werden überführt. Ihr Tun fliegt auf. Die Folge ist fast immer ein Erdbeben, ein gewaltiger Tsunami. Sie bevorzugen eine biblische Metapher, die auch nicht wirklich ganz daneben ist: Hölle auf Erden.

Wie werden die Treulosen überführt? Findet die Partnerin oder der Partner beim Aufräumen einen alten Brief oder entdecken sie auf dem Handy eine alte Liebesbotschaft?
Bei über 90 Prozent der Aufdeckung aller Misstritte spielen Handys die entscheidende Rolle. Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Mobile Telefone sind bekanntlich ebenso effiziente Hilfsmittel, wenn es darum geht, eine aushäusige Liebschaft einzurichten und am Laufen zu halten.

Und dann kommen die zwei Streithähne in geladener Stimmung zu Ihnen in die Beratung …
Bitte, das sind keine Streithähne, sondern zwei Verzweifelte in höchster Not. Sie sind beide froh, wenn jemand da ist, der sie mit kühlem Kopf durch die momentanen emotionalen Abgründe begleitet. Meistens lohnt sich diese Unerschrockenheit.

Geht es etwas konkreter bitte?
Konkret wird’s hier in meiner Praxis, wenn wir zu dritt den gegenwärtigen Zustand der Beziehung ausloten. Zuerst nehmen wir uns immer der Verletzungen an, die der Vertrauensbruch hinterlassen hat. Ich nenne das Wundpflege. Dann geht es um die Perspektiven der Beziehung: Wird sie die Krise überstehen? Was sind jetzt die notwendigen Weichenstellungen und Schritte? Wie sieht der Neustart aus – gemeinsam oder auseinander?

Wie definieren Sie Untreue? Ist Chatten auf Tinder, Facebook und Co. schon Betrug?
Untreue ist das, was die beiden Partner als Untreue definieren. Wenn es zu einem grossen Untreue-Knall kommt, stellen die meisten Paare verdattert fest, dass sie bisher in einem vertragslosen Zustand gelebt haben. Jetzt ist Gelegenheit, Treueverhandlungen aufzunehmen.

Wie helfen Sie bei diesen Verhandlungen?
Ich trage mein Möglichstes dazu bei, dass die beiden keinen Bogen um ihre heiklen Themen machen – wie in den letzten Jahren.

An welche Themen denken Sie dabei vor allem?
Beispiel: Unstimmigkeiten im Bett. Einer von beiden meldet an, dass er seit langem fleischlich zu kurz kommt. Der andere gerät unter Druck, entweder vom Partner oder von sich selbst. Schliesslich läuft rein gar nichts mehr. Obwohl sie eigentlich beide vor dem Schicksal zurückschrecken, die nächsten Jahre oder Jahrzehnte klösterlich zu vertrocknen.

Gibt es eigentlich den typischen Fremdgänger, die typische Fremdgängerin?
Nein, leider nicht. Jeder Beziehungsmensch ist diesbezüglich fast zu allem fähig. Besonders auch Leute, die das mit Vehemenz von sich weisen. Umgekehrt rechnet jede und jeder mit grossem Vorteil damit, einmal betrogen zu werden. Das ist nicht Misstrauen, nur liebenswürdiger Realismus.

Dabei leben die Fremdgängerinnen oder Fremdgänger oft in besonders glücklichen Beziehungen und Ehen. Warum tun sie es trotzdem?
Ganz einfach. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde hat es präzis auf den Punkt gebracht: «Ich kann allem widerstehen, ausser der Versuchung.» Man braucht sich nicht zu wundern, wenn man feststellen muss, dass man nicht bis in den hintersten Winkel zähmbar ist. Fast alle Untreuen sagen ja, sie hätten den Ausflug in das fremde Bett nicht gesucht. Und ich denke dann: … ja, aber gefunden haben Sie’s, das auswärtige Abenteuer!

Reagieren die Paare während der aktuellen Corona-Krise anders auf ihre private Krise, ist vielleicht gar mehr Verständnis für das Gegenüber spürbar?
Solche Unterschiede sind mir bisher nicht aufgefallen. Auch nicht bei mir selber. Sollten die Einschränkungen aber ein Jahr oder zwei oder länger dauern, könnten sich vielerorts im Paargefüge grosse Umbrüche ergeben. Ich habe keine Ahnung, wie ich mir das plastisch vorstellen sollte.

Das glaube ich Ihnen nicht. Sie haben doch so viel Erfahrung als Paartherapeut.
Ach, niemand hat sich vor einem Vierteljahr so etwas wie eine globalisierte Giga-Pandemie vorstellen können. Woher soll ich jetzt wissen, wie es in unseren Paarschaften in ein paar Jahren aussehen wird? Es interessiert mich nicht einmal. Was jetzt in diesem Moment ist, macht mich viel mehr an.

Das Thema «Sex» hingegen interessiert alle – Sie ganz bestimmt auch.
Bingo.

So grundsätzlich: Wie läuft es mit dem Sex zu Zeiten der Corona-Pandemie?
Auch bei diesem Thema gibt es naturgemäss keine gesicherten Daten. Schon in den früheren Jahren war die Sexualität grösstenteils eine Blackbox: jede Menge Spekulationen und Presse-Fake-News. Wir tun gut daran, uns nicht vollquatschen und verrückt machen zu lassen von solchen «Informationen». Sie fluten unsere authentische Fantasie. Sie heizen unsere Erwartungen auf. Sie stiften uns dazu an, unsere ureigene Liebesfähigkeit zu verraten. – So, das war jetzt mein Wort zum Sonntag. Und heute, zu viralen Zeiten, könnte es für die Paar-Sexualität tatsächlich etwas veränderte klimatische Bedingungen geben. Vermute ich.
Und wie sehen diese veränderten klimatischen Bedingungen aus? Oder konkret gefragt: Sorgt das Internet für mehr oder weniger Sex?
Es ist kompliziert. Und paradox. Einerseits könnte die hausarrestähnliche Lebensweise der Sexualität die Luft abschneiden. Weil Anziehung ohne Abstand nicht möglich ist. Auf der anderen Seite höre ich von Paaren, wie sehr sie es im Moment zu schätzen wissen, dass sie zu zweit sind und nicht allein. Sie dürfen sich wenigstens nahe sein und einander sogar berühren. Was für ein hautfreundliches und herzwarmes Privileg im weltweiten Klima von Social Distancing!

Wieso ist trotzdem alles so kompliziert?
Wegen der lückenlosen haushaltinternen Überwachung. Ob man will oder nicht. Zu Hause bleiben und Homeoffice, das ist nicht ganz einfach. Ungewohnt. Kann irritierend sein. My Home is my Jail. Mein Haus ist mein Kittchen. Da bekommt man Aussenkontakte des Anderen ziemlich voll mit. Digitaler Sex und Internetporno – heikel. Sexuelle Selbstbedienung auch. Also krasse Monogamie! Nicht jedermanns Sache.

Verstehe ich Sie richtig? Frauen wie Männer hocken heute noch mehr als sonst am Computer und lassen sich virtuell erregen?
Eben nicht. Es war noch nie die Stärke von Männern und Frauen, einander zu vertrauen – oder einander auch nur machen zu lassen, wenn es um Solo-Sex geht. Und machen wir uns nichts vor, man empfindet geheime Selbstbefriedigung nach wie vor als Beinah-Untreue. So fällt halt im Wonne-Frühling 2020 die sexuelle Selbstversorgung mithilfe von bewegtem Bildmaterial meist flach. Weil man kaum solo sein kann und ungestört. Und überhaupt, so was tut man nicht!

Beinah-Untreue? Sie meinen also, die Kirche respektive die Bibel hat nach wie vor viel Einfluss auf uns Menschen respektive sorgt dafür, dass wir sogar in den eigenen Wänden ein schlechtes Gewissen haben.
Möglich, dass da und dort der liebe Gott mit seinem allgegenwärtigen wachen Auge noch präsent ist. Aber er verliert mehr und mehr an moralisierendem Einfluss. An seine Stelle ist die sehnsüchtige Erinnerung an unsere goldenen Verliebtheitszeiten getreten. Damals war es unvorstellbar, sich jemand anderem lüstern zuzuwenden. Auch unkeusche Bilder waren kein Thema. Inzwischen keimen aber längst wieder allzu menschliche Gelüste nach auswärts. Zusammen mit einem unguten Gefühl.

Wie gehen die Frauen und wie die Männer mit den aufgestauten Lüsten um?
Eine Zeitlang lassen sich diese Lüste stauen, wenn‘s sein muss auch über Jahre. Unfreiwillig wie jetzt unter der Corona-Fuchtel. Pragmatisch wenn zum Beispiel eine Geburt ansteht oder wenn beruflicher oder persönlicher Stress regiert. Oder wegen eines zähen Beziehungsstunks. Platonische «Liebe» wider Willen ist in der Ehewelt weit verbreitet. Vermutlich weil die Sexualität für das Menschsein nicht systemrelevant ist. Die Liebe schon.

Aber irgendwann fressen Frau oder Mann eben unter dem Hag durch …
Sag ich doch. Das Gras ennet dem Hag macht einen zu saftigen Eindruck.

Für diejenigen, die aber doch gern hätten, dass es zu Hause wieder leidenschaftlicher zugeht: Haben Sie Tipps?
Kommt drauf an, was Sie unter «leidenschaftlich» versteht. Wenn Sie «wieder» leidenschaftlich meinen, habe ich kein Rezept dafür. Was vorbei ist, ist vorbei. Sie und Ihre Partnerin werden es nicht schaffen, einen exklusiven Sonderstatus durchzudrücken. Sie sind – tut mir leid – ein ganz gewöhnliches Paar wie wir alle. Auch für Sie ist die Leidenschaft vorbei. Aber Ihre Liebe ist vielleicht neugierig auf Neues, auf Fremdes. Umso überraschender: Sie brauchen nicht fremdzugehen. Das Fremde liegt so nah – just neben Ihnen im eigenen Doppelbett.

Wie schaffe ich es, meine Partnerin, meinen Partner wieder sexuell anziehend zu finden?
Ich wiederhole: Den Anderen «wieder» sexuell anziehend finden zu wollen, das ist verlorene Liebesmüh.

Inwieweit sollte man bewusst strategische Massnahmen ergreifen, um Problemen in der Partnerschaft vorzubeugen?
An Problem-Prävention glaube ich nicht. Und «strategische Massnahmen» sind fruchtbar in der Planung von militärischen oder medizinischen Operationen. Aber Lieben ist wie Leben: eigentlich nur hier und jetzt fruchtbar.

Oft bekommt man den Rat, über alles möglichst viel zu sprechen. Kann man auch zu viel über Gefühle reden?
Ja, das geht. Beides geht, zu viel und zu wenig miteinander reden. Miteinander reden müsste eigentlich heissen, sich gemeinsam um den Faden zwischen dir und mir kümmern. Also miteinander im Kontakt sein und bleiben. Nicht Probleme wälzen, nicht Gefühle austauschen, nicht sich bis zum Anschlag öffnen, nicht rechthaben wollen, nicht machtkämpfen, erst recht nicht streiten. All das bedeutet zu viel reden und tut niemandem gut.

Und zu wenig reden?
Alles Lebendige lebt vom Austausch. Wenn der klemmt, erstickt das Leben.

Wie wurden Sie vor 45 Jahren eigentlich Paartherapeut?
Ich weiss es, ehrlich gesagt, nicht wirklich. Ab Mitte Gymnasium war mir klar, dass es für mich als Psychologen nur ein einziges berufliches Lebensthema geben würde: Paarthemen. Es hing aber nicht etwa, wie man argwöhnen könnte, mit der Ehe meiner Eltern zusammen; sie wurden nach über 60 Ehejahren geschieden – vom Sensenmann.

Was wissen Sie heute über die Liebe, was Sie vor früher nicht wussten?
Erst seit etwa 35 Jahren weiss ich, dass ein liebendes Gespräch nicht viel mit dem Mund zu tun hat. Sondern fast ausschliesslich mit den Ohren. Und mit einem tragfähigen Herzen, versteht sich.

Das Interview wurde schriftlich geführt.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2020