Dr. Klaus Heer

Augustinerkirche Zürich vom 17. Dezember 2009
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VON KLAUS HEER

Zehn Szenen einer Ehe


Szene eins

Sie sagt (gegen Ende von 10vor10): Thomas, du trinkst zu viel. Er (schaut in den Flachbildschirm, reagiert nicht). Sie: Du trinkst zu viel. Er (dreht verwundert den Kopf zu ihr): Wie bitte?
Sie: Verstehst du kein Deutsch? Er: Doch. (steht auf und geht aus dem Wohnzimmer).

Ich fasse zusammen: Ein liebevoller, besorgter Vorstoss der Frau. Leider zu ungünstiger Zeit. Der Mann verhindert Schlimmes durch Flucht.

Szene zwei

Zehn Minuten später im Badezimmer. Der Mann kommt aus der Dusche, trocknet sich ab. Die Frau ist dabei, sich die Zähne zu putzen.

Er sagt (betont beiläufig): Du, Schatz, wo ist die Antirutschmatte? Sie (den Mund voll Zahnpasta und Zahnbürste): Weiss nicht. Er: Was, weiss nicht?? Sie (keine Antwort).
Er: Duschen ohne Antirutschmatte ist gefährlich. Ueberall dieses Puff in dem Laden. Sie (schmeisst die Zahnbürste ins Lavabo, spuckt den weissen Schaum raus und
verschwindet).

Ich fasse zusammen: Der Mann versucht, wieder Normalität herzustellen. Aber die Frau ist noch aufgebracht von eben. Sie schafft es immerhin, die Eskalation zu verhüten, indem sie flieht.

Szene drei

Wenig später im Doppelbett. Mann und Frau starren an die Decke und schweigen. Es vergehen ein paar Minuten.

Sie (eher leise): Wir müssen reden.
Er (sagt nichts).
Sie (immer noch leise): Hörst du mich?
Er: Ja.
Beide schweigen.
Er: Reden ja, aber nicht hier. Nicht jetzt.
Beide schweigen.
Sie: Du weichst wieder aus.
Er: Nein, ich bin müde. Ich schlag dir vor, wir reden morgen. Morgen grad nach dem Nachtessen.
Sie (überlegt): Dann halt morgen. Auf unserem Verdauungsspaziergang. Er: Okay.

Ich fasse zusammen: Glück gehabt. Die beiden schrammen haarscharf am Schlafzimmer- Abgrund vorbei. Indem der Mann einen konkreten Vorschlag macht und die Frau einlenkt.

Szene vier

Am nächsten Abend. Die beiden sind – wie gestern vereinbart – unterwegs auf ihrer gewohnten Verdauungsrunde übers offene Feld hinter ihrem Haus. Nebeneinander, mit einem Meter Abstand.

Er (nach 200m Schweigen, zögernd): Du wolltest reden. Sie: Du nicht? Er (unsicher lächelnd): Wenn’s sein muss. Sie: Es muss sein.
Er (jetzt kurzerhand entschlossen): Genau das ist es. Bei dir muss es immer sein und überall. Spätabends, wenn ich kaputt bin und schlafen will. Mitten in einer Fernsehsendung, sogar auf dem Klo habe ich keine Ruhe. Ueberall kann’s jederzeit losgehen.
Sie (fällt ihm ins Wort): Was bleibt mir anderes übrig? Du hast ja nie Zeit zum Reden und läufst mir immer davon, wenn ich reden will.
Er (fällt ihr ins Wort): Das stimmt nicht! Immer diese Uebertreibungen.

Ich fasse zusammen: Der schwierige Anfang ist gemacht. Die Zwei sind mutig. Fast tollkühn. Denn kaum haben sie angefangen zu reden, kochen sie ihre schwierigen Gefühle auf. Brennstoffe sind Worte wie «immer», «nie», «Das stimmt nicht!». Und einer redet dem anderen drein. Das ist hausgemachte Klimaerhitzung.

Szene fünf

Wir geben den beiden eine neue Chance und lassen sie zurückgehen auf Feld eins.

Er sagt: Du wolltest reden. Sie: Du nicht? Er: Wenn’s sein muss. Sie: Es muss sein.
Ein Moment Schweigen.
Er: Soll ich anfangen?
Sie (zögert): Mhh... also... dann schiess los.
Er: Angefangen hat alles gestern Abend. Da hast du mir meinen Alkoholkonsum vorgeworfen, mitten im 10vor10.
Sie (ziemlich ruhig): Ja, aber das hat eine lange Vorgeschichte, es hat nicht gestern angefangen. Das Thema Rotwein habe ich schon oft gebracht, immer ohne Erfolg.
Er (ziemlich ruhig): Aber du brauchst mich nicht nachzuerziehen. Ich hab mich selber im Griff, bin kein Alki, zu dem du mich immer machen willst.

Ich fasse zusammen: Diesmal sind sie gut gestartet. Sie sprechen ab, wer als erster reden soll. Schon mal fein. Aber der Mann kommt nicht sehr weit mit seinem Anliegen. Die Frau lässt ihm nämlich nur Platz für zwei Sätze. Dann kommt sie mit ihrem Thema, kann aber auch nur zwei Sätze dazu sagen, denn er stellt sich ihr in den Weg mit einem neuen eigenen Thema. Das ist eng und frustig für beide. Denn zwei Sätze sind zu wenig für gestaute Sorgen.

Szene sechs

Jetzt schaffen wir mal etwas Platz für den Mann.

Er sagt: Angefangen hat alles gestern Abend. Da hast du mir meinen Alkoholkonsum
vorgeworfen, mitten im 10vor10. Sie: Und das war schwierig für dich? Er: Tja, was heisst hier schwierig?! Es hat mir stracks den Deckel gelüpft.
Sie: Ja, was denn? Was hat dir den Deckel gelüpft?
Er: Ich musste weg aus dem Wohnzimmer, damit ich nicht explodiere.
Sie: Sag jetzt, was war zuviel für dich?
Er: Erstens ertrage ich es kaum noch, wenn du mir mit heiklen Themen zu Leibe rückst, während ich mich vor der Kiste erholen möchte.
Sie: Ich störe dich dann? Er: Nein, du behandelst mich wie den letzten Dreck. Das würdest du mit keinem anderen
Menschen auf der Welt machen. Sie: Aha... ach so... Du meinst, der Anstand kommt mir dann abhanden? Der Respekt? Er (so etwas wie erleichtert): Jaaa. Ja, genau. Der Respekt.

Ich fasse zusammen: Ja, der Mann ist wirklich erleichtert. Und warum ist er erleichtert? Nicht weil seine Frau mit ihm einverstanden wäre. Nicht einmal, weil sie ihn verstanden hätte. Sondern ganz einfach, weil sie sich für ihn interessiert. Auch wenn’s unangenehm zu hören ist.

Szene sieben

Die Frau will noch mehr wissen.

Sie fragt: Du hast gesagt, ‚erstens’ habest du dich gestern respektlos behandelt gefühlt.
Und was ist zweitens?
Er: Ja, zweitens... zweitens plagst du mich immer wieder mit dem Alkohol. Das ist schwer auszuhalten.
Sie (leicht genervt): Soll ich etwa künftig schweigen?
Er: Nein, nicht unbedingt schweigen. Aber... du demütigst mich.
Sie: Ich demütige dich?
Er (fast tonlos): Ich schäme mich so... Ich schäme mich in Grund und Boden.
Sie (bleibt erstaunt stehen, stiller Moment): Du schämst dich in Grund und Boden. So ist das, aha...

Ich fasse zusammen: Die Frau schafft ihm Platz. Sie will unerschrocken wissen, was mit ihm ist. Er sagt es ihr. Und sie vernimmt ganz Neues von ihm, sehr Persönliches, das sie nicht gewusst hat vorher. Es entsteht Intimität zwischen den beiden.

Szene acht

Intimität ist nichts für schwache Nerven. Und ansteckend. So lädt der Mann etwas später seine Frau beherzt zum Reden ein.

Er sagt: So, und jetzt erzähl du. Was war gestern im Badezimmer? Urplötzlich hast du alles hingeschmissen und die Tür geknallt.
Sie (lacht): Ich war stinksauer, ja, aber die Tür... nein. Er: Du stinksauer, warum das denn? Ich war doch wütend...
Sie: Also hör mal: Du steigst wie der leibhaftige Schönwettergott aus der Dusche. Und tust, als ob nichts gewesen wäre, mit deiner blöden Rutschmatte.
Er: Was war blöd an der Antirutschmatte? Sie: Auf einmal sollte ich verantwortlich sein für das gesamte Chaos im Haushalt. Er (staunt): Ah, so lief das bei dir. Reingerutscht in einen deiner wunden Punkte... Sie: Ja, genau so.

Ich fasse zusammen: Mit seinem Interesse verschafft der Mann der Frau Platz. Hier kann sie jetzt ausbreiten, was sie erlebt hat, und sie schauen sich das gemeinsam an. Was für eine Wohltat

Szene neun

Ermutigt vom bisherigen Gespräch fasst die Frau nochmal das heisse Eisen Alkohol an.

Sie sagt: Richtig Angst habe ich davor, dir zu sagen, dass du zuviel trinkst. Er (erstaunt): Du, Angst?
Sie: Ja, richtig Angst. Ich fürchte, dass du scharf reagierst, wenn ich wieder damit anfange.
Er: Was willst du mir eigentlich sagen? Sie: Das ist ganz einfach: Ich mache mir Sorgen um dich. Will dich dir sagen. Er: Oh. Sorgen... um mich... Wusste ich nicht. Sie: Ja, Sorgen um dich.

Ich fasse zusammen: Die Liebe ist etwas für mutige Leute. Der eine sagt dem anderen, was ihn zu sagen drängt. Und der andere ist interessiert zu hören, was den einen bewegt, bedrückt, verstört, enttäuscht. So setzen sich zwei tapfere Menschen auseinander und kommen damit einander näher.

Szene zehn

Die Verdauungsrunde der beiden ist zu Ende, sie sind fast zurück im Haus. Es fehlt noch etwas.

Die Frau sagt: Es war super, mit dir zu reden, danke. Danke vor allem für deine offenen, interessierten Ohren. Es fehlt aber noch eine Kleinigkeit.
Er: Ich bin dir auch dankbar. Mir fehlt nichts, glaube ich. Sie: Doch, ein Datum für unsere nächste Verdauungsrunde.
Er (lacht): Ja, stimmt. Wir schnappen uns gleich unsere Agenden, okay. Komm, Ursina, lass dich umarmen.

Ich fasse zusammen: Dieses Gespräch war lösungsorientiert. Aber niemand hat eine Lösung von Problemen angestrebt, geschweige denn gefunden. Es war auch nicht nötig. Denn es sind nicht die anstehenden Probleme, die gelöst werden müssen. Mit denen lässt sich gut leben, vorausgesetzt ich kann mich immer wieder von mir selbst lösen und dem anderen Platz machen. Platz für die Mühe, die er hat mit mir. Er erzählt mir davon, ich interessiere mich für ihn. Er strahlt mich an. Das ist Advent, wenn nicht gar Weihnachten.
Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor  © 2019