Dr. Klaus Heer

frei denken 4/2025
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«Alles Lebendige ist vergänglich. Auch Liebe.»

Klaus Heer ist seit 52 Jahren Paartherapeut in Bern: Die Ehe sei nur richtig schlimm, wenn sie zu einer Einrichtung ohne Notausgang verkomme – er selbst hat ihn schon zweimal genommen.

VON CAMILLA LANDBÖ
Sie haben bei unserem ersten Gespräch nachgefragt, ob ich «lebenslängliche» oder «lebenslange» Ehe meine. Wie unterscheiden Sie die Begriffe?
Klaus Heer: «Lebenslänglich» ist ein Begriff aus dem Strafvollzug, «lebenslang» bemisst eine biografische Zeitspanne. Die beiden Bedeutungen liegen himmelweit auseinander.

Wenn wir von früher sprechen, könnte man ja fast sagen, dass eine Ehe lebenslänglich war. Es hiess: bis der Tod euch scheidet. Haben Sie in ihren 52 Therapiejahren Ehepaare kennengelernt, die denken, dass die Ehe auf Biegen und Brechen bis ans Lebensende dauern muss?
Da liegt ein kleiner Irrtum vor: Heute schwört man einander genauso «Wir wollen miteinander alt werden!». Das kann auch extrem lange dauern. Beide Beschwörungsformeln haben ähnlichen religiösen Charakter. Man glaubt nämlich tatsächlich, die romantischen Gefühle seien überlebensfähig. Dabei weiss jeder, wie viele Beziehungen auseinanderbrechen oder längst eines stummen Todes gestorben sind. Doch der mystische Glaube suggeriert einem, man sei die löbliche Ausnahme.

Haben Sie viele Menschen kennengelernt, die die Ehe als Knast empfinden?
Das weiss ich nicht. Weil ich nicht damit rechne, dass es viele Leute gibt, die es mir oder sich selbst mutig eingestünden, wenn sie sich ehelich gefangen fühlen würden. Die Dunkelziffer schätze ich aber hoch ein.

Nun, aber einige hatten Sie in Ihrer Praxis wohl schon sitzen... Welches sind deren Gründe, die Ehe als Gefängnis zu empfinden?
Kein Gefängnis gleicht dem anderen. Entsprechend sind auch deren Hintergründe sehr vielfältig. Zum Beispiel finden offenbar manche Paare: lieber in ehelicher Schutzhaft als emotional obdachlos. Oder lieber beziehungsversorgt als wider Willen single. Oder viel lieber zu zweit einsam in der Hochsicherheits-Doppelzelle als vereinsamt an der frischen Luft. Richtig schlimm ist Ehe eigentlich nur, wenn sie zu einer Einrichtung ohne Notausgang verkommt.

Wechseln wir zu «lebenslang»: Eine Ehe kann ja etwas sehr Schönes sein. Was macht es aus, dass sie dauerhaft – nun im positiven Sinne – hält?
Alles Lebendige ist vergänglich. Auch die Liebe. Jede Liebe ist sterblich. Wer das nicht weiss und auf etwas anderes hinarbeitet, verdirbt die Liebe. Die Liebe lebt heute, und über morgen wissen wir nichts. Rein gar nichts. Sie lässt sich nicht auf «lebenslang» planen.
2 Ehen, 2 Scheidungen: Wieso hat das grad bei Ihnen nicht geklappt? Anders gefragt: Müsste ein Paartherapeut nicht die Goldene Hochzeit feiern, um glaubwürdig zu sein?
Was soll das bringen, wenn ich «glaubwürdig» wäre? Kein einziger Arzt bewahrt seine Kunden vor dem Tod; er stirbt ja selbst. Eine wichtige Aufgabe jeder Paartherapie ist gerade, dass das Paar die überzogenen Erwartungen an die Fachperson abbaut und sich selbst ermächtigt. Ich persönlich würde eher einen Paartherapeuten wählen, der selbst barfuss durch die Hölle von Trennung und Scheidung marschiert ist, als einen, der weiss, wie Goldene Hochzeit geht.

In Ordnung. Noch eine Frage: Mit Blick auf Ihre langjährige Karriere als Therapeut, haben sich die Gründe geändert, wieso sich Menschen heute trennen?
Was sich im vergangenen halben Jahrhundert vermutlich am auffälligsten verändert hat: Es gibt praktisch keine Männer mehr, die keine Angst haben vor ihren Frauen. Oder kennen Sie einen? Frauen vertreten heute viel dringlicher die gesellschaftlich relevanten Gesinnungsströme als früher. Und Männer haben dieser Spur zu folgen, sonst bekommen sie es übel mit ihren Frauen zu tun.

Woran merken Paare frühzeitig, dass ihr «Für immer» gefährdet ist, und wann ist es Zeit, sich Hilfe zu holen?
Nun, das «Für immer» ist immer gefährdet. Paare merken gewöhnlich schon «rechtzeitig», wann sie gut daran tun, sich Hilfe zu holen. Die Forschung hat im Übrigen festgestellt, dass das viel länger geht, als man gemeinhin vermuten würde, nämlich durchschnittlich vier bis fünf Jahre, nachdem die Schwierigkeiten ernsthaft beginnen zu belasten. Ausserdem darf man nicht vergessen, dass nur eine Minderheit der bedrängten Paare überhaupt professionelle Hilfe beansprucht.
© Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor