1990 Der erste prähistorische Fund meiner paartherapeutischen Öffentlichkeitsarbeit lässt sich auf das Jahr 1990 datieren. Keine Ahnung, wo der antike Artikel erschienen ist. Diese ersten publizistischen Gehversuche auf dem beruflichen Feld berühren mich jetzt, mehr als 35 paartherapeutische Jahre später, immer noch emotional. Meine Entwicklung hat mich bis zur Unkenntlichkeit verändert.
«Das Modell fifty-fifty»
Viel ist die Rede vom «neuen Mann». Die einen beschwören ihn. Die anderen bestreiten, dass es ihn gibt. Könnte es zum Beispiel der Halbtagesvater sein? Dann gibt es ihn zumindest seit acht Jahren. So lange ist es her, dass sich der Ehetherapeut und Radiojournalist Klaus Heer für diese Aufgabe entschied.
VON KLAUS HEER
Lange bevor ich ins fortpflanzungsfähige Alter kam, hatte ich genug von Familie. Ich war das älteste von 12 Kindern, mein jüngster Bruder kam 23 Jahre nach mir zur Welt. Meine Eltern meisterten die unsägliche Aufgabe so gut wie gewöhnliche Eltern. Meine Mutter nahm sie wörtlich: sie gab sich vorbehaltlos auf für ihre Familie. Mein Vater wirkte draussen; innen war er wie ein
Felsen, an dem wir uns orientieren konnten - und mussten. Als Person aber unterstand er der Souveränität der Fürsorglichkeit seiner Frau.
Dieses Ehe- und Familienmodell, das meine Eltern in holzschnittartiger Eindeutigkeit lebten, ist noch heute die landläufige Innenarchitektur für die Keimzelle des Staates. Das erfuhr ich später als Paartherapeut jeden Tag. Ich sah genau die Nachteile eines Familien-Arrangements, das von der Mehrheit (der Männer) nahezu bedenkenlos und vielleicht auch phantasielos übernommen wird.
Als ich 38 war, zeugte ich mit kühlem Kopf mein erstes Kind. Muriel, meine Frau, hatte mir die Vaterschaft möglich gemacht, indem sie es für unmöglich erklärte, ihr Berufsleben gegen die Mutterschaft einzutauschen. Der Entscheidungsvorgang war hart und haarscharf; am Schluss aber stand ein neues konkretes Modell: Fifty-Fifty. So konnte ich mir Familie vorstellen; Neues, Unbekanntes schien gangbar, das Altgediente nicht.
Natürlich erwiesen sich die Vorstellungen bald als unzureichend. Meine Phantasie war viel zu blutleer, um mir ein Bild davon zu vermitteln, mit welcher Wucht jetzt Leben in unser Haus einziehen würde. Schwangerschaft und besonders Geburt und die ersten Lebenstage unserer Tochter Anne-Sophie
setzten mich mit eindringlicher Macht als Vater ein. Damals schrieb ich in das Elterntagebuch, das wir ihr einmal schenken wollen: «Ganz innen habe ich ein wenig Angst um uns zwei: Ich frage mich, ob ich es schaffen werde, ob ich der anspruchsvollen und eigentlich wohl überfordernden Aufgabe gewachsen bin.»
Meine Aufgabe bestand darin, die Hälfte meines Berufes loszulassen und mich in dieser Zeit mit meinem Kind zu beschäftigen. Ich hatte immer leidenschaftlich gern und viel gearbeitet. Darum kam es mich zunehmend härter an, als Anne-Sophie je länger je weniger schlief und immer mehr mit mir
zu tun haben wollte. Ein halber Tag mit einem kleinen Kind kann sehr lang werden, wenn man sich den Stunden nicht vorbehaltlos hingeben kann. Und täglich kommt ein neuer halber Tag!
Ich weiss inzwischen zur Genüge (weil ich
halbtags in meinem Beruf arbeite), dass Männer sich das tagtägliche Leben mit Kleinkindern beim besten Willen nur falsch oder, wenn's hochkommt, gar nicht vorstellen können. Von ihrem Bürotisch aus betrachtet sieht es erholsam aus, «den Tag selber einteilen» zu können. Die Mütter hätten nichts anderes zu tun, als mit den Kindern zu spielen, zu spazieren und andere
nette, kaffeetrinkende Frauen und deren reizende Kinder zu besuchen, glauben die Freizeitväter.
Doch genau das ist das Problem: nichts anderes zu tun haben! Diese nicht-endenwollenden Stunden mit garantiert ungiftigen Bauklötzen und auf (von Männern) sterilisierten Spielplätzen der Stadtgärtnerei! Und diese klebrige Dauer-Verfügbarkeit für ein Kind, das ohne Unterlass will, was es nicht hat und viel davon nicht darf, weil es gefährlich oder «unvernünftig» ist!
Schon tausend Mal habe ich das kleine Hirn-Spiel gemacht: Ich stelle mir nach einem halben Tag Kinderbetreuung vor, ich müsste jetzt - wie die meisten Frauen einen zweiten Kinder-Halbtag anhängen. Mein Gott, was bin ich jedesmal froh um die Erholung bei der Arbeit!
Vollends beschwerlich wurde es, als vor fünf
Jahren Marie-Luise, unsere zweite Tochter, ankam. Zwei Kinder verdoppeln nicht die Mühe, sie vervielfachen sie. Ganz sicher in den ersten zwei, drei Jahren. Fast alle Bedürfnisse der beiden klafften unglaublich auseinander. Mit der Zeit kamen auch die Konflikte und Kräche zwischen den zwei Mädchen dazu. Ich spürte, dass ich noch sehr viel lernen musste.
Dieses Ehe- und Familienmodell, das meine Eltern in holzschnittartiger Eindeutigkeit lebten, ist noch heute die landläufige Innenarchitektur für die Keimzelle des Staates. Das erfuhr ich später als Paartherapeut jeden Tag. Ich sah genau die Nachteile eines Familien-Arrangements, das von der Mehrheit (der Männer) nahezu bedenkenlos und vielleicht auch phantasielos übernommen wird.
Als ich 38 war, zeugte ich mit kühlem Kopf mein erstes Kind. Muriel, meine Frau, hatte mir die Vaterschaft möglich gemacht, indem sie es für unmöglich erklärte, ihr Berufsleben gegen die Mutterschaft einzutauschen. Der Entscheidungsvorgang war hart und haarscharf; am Schluss aber stand ein neues konkretes Modell: Fifty-Fifty. So konnte ich mir Familie vorstellen; Neues, Unbekanntes schien gangbar, das Altgediente nicht.
Natürlich erwiesen sich die Vorstellungen bald als unzureichend. Meine Phantasie war viel zu blutleer, um mir ein Bild davon zu vermitteln, mit welcher Wucht jetzt Leben in unser Haus einziehen würde. Schwangerschaft und besonders Geburt und die ersten Lebenstage unserer Tochter Anne-Sophie
Meine Aufgabe bestand darin, die Hälfte meines Berufes loszulassen und mich in dieser Zeit mit meinem Kind zu beschäftigen. Ich hatte immer leidenschaftlich gern und viel gearbeitet. Darum kam es mich zunehmend härter an, als Anne-Sophie je länger je weniger schlief und immer mehr mit mir
Ich weiss inzwischen zur Genüge (weil ich
Doch genau das ist das Problem: nichts anderes zu tun haben! Diese nicht-endenwollenden Stunden mit garantiert ungiftigen Bauklötzen und auf (von Männern) sterilisierten Spielplätzen der Stadtgärtnerei! Und diese klebrige Dauer-Verfügbarkeit für ein Kind, das ohne Unterlass will, was es nicht hat und viel davon nicht darf, weil es gefährlich oder «unvernünftig» ist!
Vollends beschwerlich wurde es, als vor fünf
Ja, ich bin am Jammern; ich weiss. Viele Mütter beklagen sich in ähnlicher Tonart wie ich, die meisten allerdings mit dem miesen Gefühl einer Versagerin. Ich hingegen sehe mich weit weniger eingepfercht in unerbittliche Rollenerwartungen. Ich geniesse die Narrenfreiheit eines avantgardistischen Vaters. Und Narren leisten sich alles, manchmal auch hemmungsloses Gejammer. Denn Narren haben ein schönes Leben. Ich zum Beispiel brauche nur halbtags zu arbeiten! Seit acht Jahren berate ich nur acht Paare pro Woche. Vorwiegend nachts entstehen meine Radio-Sendungen. Kreativität kann Schwerarbeit sein. Paartherapie sogar Schwerst-Arbeit. Mein Gott, was bin ich manchmal froh um die Erholung mit den Kindern !
Höchste Lebensqualität aber bedeutet für einen Mann eine zufriedene Frau. Die meisten Frauen in der traditionell arbeitsteiligen Familie geraten mit den Jahren fast hoffnungslos ins berufliche Abseits. Die Mutter- und Hausfrauenrolle vermag nur den wenigsten das zu geben, was ihr die männliche Verdrängungs-Rhetorik andichten möchte. Das Endergebnis ist der unglückliche Mann mit dem schlechten Gewissen. Er ist unglücklich, weil er dem chronischen unterschwelligen Unglück seiner Frau hilflos ausgeliefert ist.
Muriel, meine Frau, hat Glück gehabt mit mir. Ihre berufliche Identität hat wegen der Familie nicht einmal einen Knick abbekommen. Sie hat, was gewöhnlich als unvereinbar gilt: Beruf und Kinder. Und darüber hinaus ein Gegenüber, das in Sachen Brutpflege engagiert und kompetent ist. Sie kann austauschen, sie findet offene, verständnisvolle Ohren.
Und ich habe noch viel mehr Glück gehabt mit Muriel. Sie lässt mich! Sie lässt mich so Vater sein, wie ich nun einmal bin: Ich kann nämlich nicht anders. Sie überlässt mir die Kinder ganz. Sie verzichtet gewissermassen auf ihre «naturgegebene» Vormachtstellung als Mutter und tritt mir die volle Hälfte davon ab. Dabei erfülle ich meine Aufgaben-Hälfte beileibe anders als sie.
Dass wir einander sein und machen lassen mit den Kindern, empfinde ich als die wichtigste und wohltuendste Art von Solidarität. Nicht auszudenken, wenn wir einander dreinpfuschen und es «Unterstützung» nennen würden.
Die wahrscheinlich düsterste Seite meiner Vaterschaft ist das, was die Männer gewöhnlich mit «Logistik» bezeichnen: Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen, Flicken, An-dieeintausend-anfallenden-Kleinigkeiten-Denken. Und das weitaus Schlimmste: - dem Himmel sei's geklagt! - der zermürbende und aussichtslose Kampf gegen das Chaos im Haus. Diese zähe Flut von immer wiederkehrenden unattraktiven Verrichtungen! Hier spüre ich am deutlichsten, dass ich auch nur ein Mann bin. Männer, auch erklärte Hausmänner wie ich, haben ihre Reizschwelle für die wuchernde Unordnung meist knapp über derjenigen ihrer Partnerin angesetzt. So dass gewöhnlich ihr Ordnungssinn zum Zuge kommt …
Einmal im Jahr oder auch zweimal ruft Muriel aus. Zum Beispiel während oder nach geballten kreativen Perioden, wo Sendungen entstehen (oder Zeitschriftenartikel über meine Rolle als Halbtagesvater), da führt sie mir das gestörte Gleichgewicht in der Verteilung der Lasten in der Familie vor. Das ist unangenehm. Dann werden grundsätzliche Korrekturen nötig. In meiner Einstellung vor allem. Ich bin überzeugt, dass wir Männer das brauchen: Gleichgewichte finden wir auf die Dauer langweilig; wir mögen sie vor allem gestört: siehe unsere zugrundegehende Umwelt. Diese Zerstörung ist in erster Linie das Werk männlicher Einseitigkeit.
Gleichgewicht ist das Zauberwort meines Lebens als Familienvater und Berufsmann geworden. Gewiss, unser Gleichgewicht ist labil; es kann zuweilen schwer wiegen, ja sogar drücken und quälen. Doch meine Erfahrung zeigt mir bis heute, dass Einseitigkeit viel schwerer zu tragen und oft mit bedenklichen Folgen belastet ist. Mütterliche und väterliche Aufgaben gleichzeitig zu übernehmen, macht es für Frauen und Männer wohl leichter und fruchtbarer, Mütter und Väter zu sein.
Höchste Lebensqualität aber bedeutet für einen Mann eine zufriedene Frau. Die meisten Frauen in der traditionell arbeitsteiligen Familie geraten mit den Jahren fast hoffnungslos ins berufliche Abseits. Die Mutter- und Hausfrauenrolle vermag nur den wenigsten das zu geben, was ihr die männliche Verdrängungs-Rhetorik andichten möchte. Das Endergebnis ist der unglückliche Mann mit dem schlechten Gewissen. Er ist unglücklich, weil er dem chronischen unterschwelligen Unglück seiner Frau hilflos ausgeliefert ist.
Muriel, meine Frau, hat Glück gehabt mit mir. Ihre berufliche Identität hat wegen der Familie nicht einmal einen Knick abbekommen. Sie hat, was gewöhnlich als unvereinbar gilt: Beruf und Kinder. Und darüber hinaus ein Gegenüber, das in Sachen Brutpflege engagiert und kompetent ist. Sie kann austauschen, sie findet offene, verständnisvolle Ohren.
Und ich habe noch viel mehr Glück gehabt mit Muriel. Sie lässt mich! Sie lässt mich so Vater sein, wie ich nun einmal bin: Ich kann nämlich nicht anders. Sie überlässt mir die Kinder ganz. Sie verzichtet gewissermassen auf ihre «naturgegebene» Vormachtstellung als Mutter und tritt mir die volle Hälfte davon ab. Dabei erfülle ich meine Aufgaben-Hälfte beileibe anders als sie.
Dass wir einander sein und machen lassen mit den Kindern, empfinde ich als die wichtigste und wohltuendste Art von Solidarität. Nicht auszudenken, wenn wir einander dreinpfuschen und es «Unterstützung» nennen würden.
Die wahrscheinlich düsterste Seite meiner Vaterschaft ist das, was die Männer gewöhnlich mit «Logistik» bezeichnen: Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen, Flicken, An-dieeintausend-anfallenden-Kleinigkeiten-Denken. Und das weitaus Schlimmste: - dem Himmel sei's geklagt! - der zermürbende und aussichtslose Kampf gegen das Chaos im Haus. Diese zähe Flut von immer wiederkehrenden unattraktiven Verrichtungen! Hier spüre ich am deutlichsten, dass ich auch nur ein Mann bin. Männer, auch erklärte Hausmänner wie ich, haben ihre Reizschwelle für die wuchernde Unordnung meist knapp über derjenigen ihrer Partnerin angesetzt. So dass gewöhnlich ihr Ordnungssinn zum Zuge kommt …
Einmal im Jahr oder auch zweimal ruft Muriel aus. Zum Beispiel während oder nach geballten kreativen Perioden, wo Sendungen entstehen (oder Zeitschriftenartikel über meine Rolle als Halbtagesvater), da führt sie mir das gestörte Gleichgewicht in der Verteilung der Lasten in der Familie vor. Das ist unangenehm. Dann werden grundsätzliche Korrekturen nötig. In meiner Einstellung vor allem. Ich bin überzeugt, dass wir Männer das brauchen: Gleichgewichte finden wir auf die Dauer langweilig; wir mögen sie vor allem gestört: siehe unsere zugrundegehende Umwelt. Diese Zerstörung ist in erster Linie das Werk männlicher Einseitigkeit.
Gleichgewicht ist das Zauberwort meines Lebens als Familienvater und Berufsmann geworden. Gewiss, unser Gleichgewicht ist labil; es kann zuweilen schwer wiegen, ja sogar drücken und quälen. Doch meine Erfahrung zeigt mir bis heute, dass Einseitigkeit viel schwerer zu tragen und oft mit bedenklichen Folgen belastet ist. Mütterliche und väterliche Aufgaben gleichzeitig zu übernehmen, macht es für Frauen und Männer wohl leichter und fruchtbarer, Mütter und Väter zu sein.
© Dr. Klaus Heer: Psychologe – Paartherapeut – Autor